Weißt du, was Psychologen mit „Thin Slicing“ meinen? Der Begriff beschreibt die Fähigkeit unseres Gehirns, aus winzigen Ausschnitten weitreichende Urteile zu fällen. Ein paar Sekunden Video oder ein flüchtiger Blick auf ein Gesicht genügen. Danach steht fest, ob wir jemanden sympathisch, kompetent oder vertrauenswürdig finden.

Die Psychologinnen Nalini Ambady und Robert Rosenthal haben das in den Neunzigern eindrucksvoll gezeigt. Versuchspersonen sahen stumme Videoclips von Lehrkräften, jeweils nur wenige Sekunden lang. Ihre Einschätzungen deckten sich erstaunlich gut mit den Bewertungen der Studierenden, die ein ganzes Semester bei diesen Lehrkräften verbracht hatten.

Ein ganzes Semester gegen ein paar Sekunden. Unentschieden.

Genau hier beginnt das Thema dieses Blogs: die Bildwirkung. Denn was für Gesichter und Gesten gilt, gilt für die Bilder deines Unternehmens erst recht.

Sonntagabend, 21:47 Uhr

Eine Fachkraft liegt auf dem Sofa und scrollt durch Stellenanzeigen. Drei Arbeitgeber, drei Karriereseiten.

Auf der ersten lächelt ein Team in die Kamera, das man aus mindestens vier anderen Branchen kennt. Auf der zweiten gibt es gar kein Bild. Auf der dritten steht ein echter Mensch in einer echten Werkstatt, Sägestaub im Gegenlicht, der Blick nach vorn gerichtet.

Rate mal, wo sie sich bewirbt.

Die Geschäftsführung von Arbeitgeber Nummer eins wird nie erfahren, warum die Bewerbung ausblieb. Das Stellenangebot war gut. Gelesen hat es trotzdem niemand, denn das Urteil war schon gefallen, bevor der erste Satz an der Reihe war.

Das Urteil fällt in Millisekunden

Die Forschung ist sich hier ungewöhnlich einig. Gitte Lindgaard und ihr Team haben 2006 untersucht, wie schnell Menschen die Optik einer Website beurteilen. Das Ergebnis: Etwa 50 Millisekunden reichen für einen ersten Eindruck. Dieser deckte sich weitgehend mit dem Urteil, das die Teilnehmenden nach längerer Betrachtung abgaben.

Bei Gesichtern sieht es ähnlich aus. Janine Willis und Alexander Todorov zeigten im selben Jahr, dass eine Zehntelsekunde genügt, damit wir einem fremden Gesicht Eigenschaften wie Vertrauenswürdigkeit zuschreiben. Mehr Zeit änderte am Urteil wenig. Sie machte die Menschen nur sicherer, dass sie richtiglagen.

Für dein Unternehmen heißt das: Deine Bilder sind kein Beiwerk zum Text. Sie sind die Tür, durch die jemand gehen muss, bevor er deinen Text überhaupt liest.

Ein kurzer Faktencheck vorab

Vielleicht kennst du die Zahl, nach der unser Gehirn Bilder 60.000-mal schneller verarbeitet als Text. Sie taucht in unzähligen Marketingpräsentationen auf. Das Problem: Eine belastbare Studie dazu gibt es nicht. Wer der Zahl nachgeht, landet bei Folien, die sich gegenseitig zitieren.

Diese Zahl wirst du hier nicht finden. Scharfsinn heißt für mich auch, genau hinzusehen, bevor ich etwas behaupte. Deshalb stehen unter jedem Beitrag die Quellen, auf die ich mich stütze.

Bildwirkung, Bildmarketing, Praxis: Worum es in diesem Blog geht

Hier schreibe ich über drei Dinge, die in meiner Arbeit untrennbar zusammengehören.

Wie Menschen sehen

Warum bleibt unser Blick an Gesichtern hängen? Was lösen Farben, Perspektiven und Licht in uns aus? Die Wahrnehmungspsychologie liefert erstaunlich konkrete Antworten und ich übersetze sie in verständliche Sprache.

Wie Bilder für Marken arbeiten

Bildmarketing ist mehr als ein hübscher Header. Es geht darum, wie Bilder Vertrauen aufbauen, Bewerber überzeugen und Mitarbeitende stolz machen. Kurz: wie aus Sichtbarkeit Wahrnehmung wird.

Was du morgen umsetzen kannst

Theorie ist schön, Praxis ist besser. Du bekommst konkrete Tipps, die dein Team direkt anwenden kann. Das reicht vom besseren Smartphone-Foto für LinkedIn bis zur Frage, welche Bilder auf deine Karriereseite gehören.

Warum ausgerechnet ein Fotograf darüber schreibt

Bevor ich zur Kamera gegriffen habe, habe ich in der Unternehmensstrategie gearbeitet. Kommunikation und Markenführung waren mein Alltag. Seit 2017 bin ich als Business- und Werbefotograf für Unternehmen in ganz Deutschland unterwegs.

Mein Ansatz beginnt deshalb nie mit der Kamera. Er beginnt beim Markenkern, führt über die Frage, wen du erreichen willst, und endet beim fertigen Foto. Dazu gehört auch eine Haltung: Ich fotografiere Menschen so, wie sie es verdienen. Mit Respekt vor dem, was sie jeden Tag leisten. Gern auch ein bisschen episch.

Und jetzt du

Schau dir einmal deine eigene Website an. Stell dir vor, du hättest nur eine Zehntelsekunde.

Welches Bild würdest du heute austauschen, wenn du ehrlich zu dir bist?

In den nächsten Beiträgen gehen wir genau solchen Fragen nach. Bis dahin: Schau genau hin.


Quellen

Ambady, N. & Rosenthal, R. (1993): Half a minute: Predicting teacher evaluations from thin slices of nonverbal behavior and physical attractiveness. Journal of Personality and Social Psychology, 64(3), 431–441. https://doi.org/10.1037/0022-3514.64.3.431

Lindgaard, G., Fernandes, G., Dudek, C. & Brown, J. (2006): Attention web designers: You have 50 milliseconds to make a good first impression! Behaviour & Information Technology, 25(2), 115–126. https://doi.org/10.1080/01449290500330448

Willis, J. & Todorov, A. (2006): First impressions: Making up your mind after a 100-ms exposure to a face. Psychological Science, 17(7), 592–598. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2006.01750.x